Artikel des "WIR -Das Magazin im Gerauer Land" vom 13.07.2019

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Für kurzfristigen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht

Welch ein schönes Zitat des Firmengründers Werner von Siemens. Bedauerlich ist, dass zu viele Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik genau anders denken. Für Quartalsgewinne, Aktien und Dividendenanstieg werden nicht nur Menschen auf die Straße gesetzt, sondern auch die Grundlage unserer Existenz zerstört, unser Planet.

Werner Eitle ist Vorsitzender der Ortsgruppe Groß-Gerau / Berkach des Naturschutzbundes (NABU);
werner.eitle3@gmail.com


Freies Unternehmertum ohne staatliche Einmischung war nach dem Krieg, in einer Zeit, in der alles am Boden lag und alles gebraucht wurde, das Beste, was wir tun konnten. Es hat uns letztlich den wirtschaftlichen Aufschwung generiert, auf den wir stolz sein können. Aber die Zeiten haben sich geändert, und ständiges Wirtschaftswachstum zu erwarten, wird zum goldenen Kalb, um das die ewig Gestrigen heute immer noch tanzen.

 

Jedem muss klar sein, dass nichts ewig wachsen kann, ohne zu zerstören. Das gilt für die Wirtschaft genauso wie für die Weltbevölkerung. Immer mehr Menschen erkennen das erfreulicherweise. Nur die, die die Macht hätten, die Dinge zu verändern, handeln zu zögerlich. Sie erkennen es, aber wenn man in einer Gedankenwelt gefangen ist, die sich mit Fragen beschäftigt wie „Wie steigere ich meinen Umsatz“, „Wie mache ich mehr Profit“, „Wie vergrößere ich meinen Einfluss“, verstellt das den Blick auf eine lebenswerte Umwelt, die wir für spätere Generationen erhalten müssen. Kommt dann auch noch Gier hinzu, wird diese Denkweise zu einer weltzerstörenden Kraft. Das ist genau das, was man sieht, wenn man die täglichen Nachrichten verfolgt.

 

Stellen wir uns eine Welt vor, auf der nur die Hälfte der heutigen Menschheit lebt, bei dem Wissensstand, den wir heute haben. Es wäre eine reiche Welt. Es würde zwar immer noch Besserverdienende geben, was in Ordnung wäre, aber keine Armen und schon gar keine Hungernden. Für die biologische Vielfalt, die unsere Erde so einzigartig und lebenswert macht, bliebe genug Platz, um sich wieder zu entwickeln. Nur zwei Entwicklungen, die aus meiner Sicht einfach nicht zusammenpassen. Zum einen vernichtet die fortschreitende Automatisierung die Arbeitsplätze, zum anderen sehen wir eine stetig wachsende Weltbevölkerung. Wie wollen wir all den Menschen ein Auskommen verschaffen, mit dem sie eine Familie menschenwürdig erhalten können?

 

Jetzt werden Sie sich fragen, was hat das mit Naturschutz zu tun? Sehr viel! Immer mehr Menschen beanspruchen immer mehr Lebensraum, verbrauchen immer mehr Rohstoffe, erzeugen immer mehr Abfall und benötigen mehr Nahrung und Trinkwasser. Viele unserer heutigen Probleme können wir allein auf diese zwei Tatsachen zurückführen, aber sie werden nicht hinreichend kommuniziert, um Lösungen zu finden. Wir stellen uns die falschen Fragen und kommen demzufolge zu den falschen Antworten. Wieviel Hoffnung steckt in der Aktion „Friday for Future“? Die Jugendlichen haben offenbar verstanden, was zukunftsfähig bedeutet. Auf einen Satz gebracht: Es bedeutet nicht mehr Bereicherung auf Kosten anderer und der Umwelt. Es bleibt zu hoffen, dass sie dies auch zum Ausdruck bringen, wenn sie in wenigen Jahren zur Wahl gehen oder in entscheidenden Positionen in der Wirtschaft Verantwortung tragen. Ihre Welt liegt schon heute in unserer Verantwortung, und Werner von Siemens Worte sind aktueller denn je.